2022-06_news_zeitenweise 19_(c) Severin Hirsch
foreign affair
©: Severin Hirsch

_Rubrik: 

Kolumne
zeitenweise – 19
Paradox

„Machtlosigkeit lenkt in ihrer Brust den irrenden Verstand; sie treiben dahin, gleichermaßen taub wie blind, verblüfft, Völkerschaften, die nicht zu urteilen verstehen, denen das Sein und Nichtsein als dasselbe und auch wieder nicht als dasselbe gilt und für die es eine Bahn gibt, auf der alles in sein Gegenteil umschlägt.“

Diese Worte, die wie eine Analyse der gegenwärtigen Gemütsverfassung unserer Gesellschaft klingen, stammen von dem griechischen Philosophen Parmenides, der vor etwa 2500 Jahren in Elea, im heutigen Kampanien, die Unterscheidung zwischen der sinnlichen Wahrnehmung und der Erkenntnis des wahrhaftigen Seins –  dem, wie etwas zu sein scheint und dem, wie es wirklich ist – ausarbeitete. In seiner damaligen Bestandsaufnahme legte er damit nicht nur den Grundstein für die Metaphysik, sondern lieferte auch die Bezeichnungen für den Unterschied in der Geisteshaltung: Die doxa bezeichnete die irrtümliche, trügerische Meinung über die Wirklichkeit, der die Menschen anheimfallen, während die aletheia die Erkenntnis der Struktur der Wahrheit, der wahren Wirklichkeit beschreibt. Wie sieht diese Wahrheit aus? Die Wahrheit ist, dass es keine Bewegung, keinen Raum, keine Zeit, keine Vielfalt gibt. Das Sein ist in sich ruhend, ewig, einzig und einheitlich. Das Sein ist, es kann nicht werden, nicht entstehen, nicht vergehen. Das ewige Werden, der Fluss der Dinge, der Lauf der Zeit sind Täuschungen, weil wir meinen, über die Sinne die Wirklichkeit wahrzunehmen. Chimära, dieses Feuer speiende Ungeheuer der griechischen Sagenwelt, das ist unsere Realität. Ein Trugbild. Etwas, das es nicht gibt. Das Seiende ist, das Nicht-Seiende, das Nichts, ist nicht. Aber wir vermischen das. Deshalb lassen wir uns täuschen. Wir füllen die Räume im Sein mit Nichts, mit Nicht-Sein und es entsteht eine große Leere, ein Vakuum. Das imaginierte Vakuum, die Leere im Raum zieht das Sein an und macht es zum Nichts. Unsere Täuschungen, unsere Ängste resultieren daraus, dass wir das Nichts im Sein sehen. Dass wir nichts im Sein sehen. Dass wir das Vergängliche, das Veränderliche im Sein sehen. Das sind die Eigenschaften der Materie. Die Eigenschaften dessen, was wir durch unsere Sinne vernehmen. Die Erkenntnis der Einzigartigkeit und Verbundenheit vom Sein und allem Seienden für alle Ewigkeit zu erkennen und anzuerkennen, das ist die Wahrheit. Die wahre Bestimmung des Seins. Ruhe und Bewegungslosigkeit, da der Raum keine Leere kennt, die überwunden werden muss. Die Einsichten des Parmenides über die Wahrheit sind der gängigen Meinung – der doxa – seiner Mitmenschen entgegengesetzt, widersprüchlich, deshalb erscheinen sie auch paradox.

Einer seiner Schüler, Zenon, ebenfalls aus Elea, verbrachte seine Zeit damit, die Lehren des großen Meisters zu verteidigen, indem er spitzfindige mathematische Paradoxa entwickelte, die den mathematischen Beweis liefern sollten, dass keine Bewegung, also die räumliche Veränderung innerhalb einer Zeitspanne, existiere, somit auch die Kategorien von Raum und Zeit hinfällig würden. Achilles, der vergeblich versucht, die Schildkröte einzuholen, oder der Pfeil, der sich in einem Zeitintervall von A nach B bewegt, aber zu jedem Zeitpunkt innerhalb des in unendliche Teilstrecken und Punkte teilbaren Intervalls stillsteht. Letztendlich ging es den Eleaten darum, zu zeigen, dass Wahrnehmen und Erkennen auf zwei völlig verschiedenen Gegenstandsbereichen gründen und zu beweisen, dass das Sein und alles Seiende sich nicht bewegen und nicht vergehen, dass sie ewig und unendlich sind. Wir haben aber nicht die Zeit, um in der Unendlichkeit ans Ziel zu gelangen. Also verkürzen wir den Weg. Falten wir den Raum, krümmen wir die Zeit. 

Tausend Jahre nach Parmenides und Zenon entwickelte sich in einer anderen Ecke dieser Welt der Zen-Buddhismus. Zwischen Zenon und Zen liegen tausende Kilometer und tausend Jahre. Aber das ist ja für Menschen, für die Raum und Zeit nicht existieren, unerheblich. Auch im Zen-Buddhismus spielen Paradoxa in Form von so genannten Koans, die der Meister seinen Schülern aufträgt, eine Rolle. Der Sinn dieser Koans soll in Meditationsübungen erkannt werden, in einem Akt der Kontemplation, der inneren Versenkung. Vielleicht liegt ihr Sinn darin, dass es keinen Sinn gibt. Dass die ganze Sinnsuche, all die Hetzerei, um in dem großen Nichts, das wir erzeugt haben, etwas zu finden, wir letztendlich nur in uns selbst finden. Stille. Ruhe. Uns. Zeit für uns. Der Raum, der uns bleibt. Und uns damit den Raum öffnet, um anderen Achtsamkeit zu schenken. Um die Einzigartigkeit und Unendlichkeit eines jeden persönlichen Universums zu begreifen. Um uns selbst zu erkennen, um den Anderen zu erkennen. Um uns selbst im Anderen und den Anderen in uns selbst zu erkennen. Um den Anderen als Anderen zu erkennen. Jeder Mensch hat einen Platz im Universum, wie viel Bewegung, Bewegtes und Bewegendes es auch geben mag. Das Klatschen mit einer Hand erzeugt Stille.

Wissen sie, was ich paradox finde? Wir leben in einer Welt, in der Bewegung und Wachstum der Motor für Fortschritt sind. Unendliches Wachstum bei endlichen Ressourcen. Immer mehr Wohlstand für immer mehr Menschen. Unbegrenzte Möglichkeiten in begrenzter Zeit. Beschleunigung und Verdichtung. Ständige Erreichbarkeit. Gleichbedeutend mit ständiger Verfügbarkeit. Die Zeit wird knapp. Für uns ist die Vorstellung paradox, es gäbe keine Zeit und keine Bewegung. Wir haben die Zeit, nur haben wir keine. Wir haben Bewegung, aber wir kommen nicht weiter. Wir laufen am Fleck wie Hamster in ihren Rädern und vergeuden Energien. Wir bewegen uns in konsentischen Kreisen, aus denen es kein Entkommen gibt. Systemerhalter, die vom System unterhalten werden. In diesem Sinn ist Konsens Nonsense. Eine ganze Industrie, die uns permanent in Ruhelosigkeit versetzt und zum Konsum gemahnt. Panische Rastlosigkeit paart sich mit lähmenden Angstzuständen. Burn-Out als Ausweg. Eine nach innen gerichtete Revolution. Implodierende Impulsivität. Jeder will eine Spur hinterlassen, aber letztendlich bleibt es zumeist bei den Narben, die wir uns selbst zufügen. Die Sensibilität richtet sich in dem Exzess an Reizüberflutungen nach innen. Die Sinne, die auf die Umgebung, die Mitmenschen hin ausgerichtet sind, verkehren sich. Verkehrte Welt. Keiner hört was, keiner sieht was, keiner sagt was. Das ist unsere Demokratie. Jeder ist sich selbst am nächsten und nimmt sich zum Maßstab für Gerechtigkeit und Moral. Es gibt keine Instanzen, die uns ein Gefühl für Gemeinschaft und Gemeinsamkeit vermitteln. Außer über Kaufkraft und Konsum. All die technischen Errungenschaften, die zur Verdichtung des Raumes und zur Verknappung der Zeit geführt haben, die die Welt und die Menschen nur scheinbar näher rücken lassen, haben ein soziales Vakuum erzeugt. Leere Räume zwischen Zeitpunkten, die mit Aktivität gefüllt werden müssen. Konsumverhalten und Systemerhaltung. Wir werden nicht angehalten, einmal über unser Verhalten nachzudenken. Uns kontemplativ in uns zu versenken. Einen Moment innezuhalten. Ein stillschweigendes Abkommen untereinander zu treffen. Wer bei sich ist, in sich ruht, sich auf den ausdehnungslosen Punkt konzentrieren kann, der die Ewigkeit bedeutet, kann zur Erkenntnis abseits der bewegten Bilder der Wahrnehmung kommen. Wir verlieren den Blick für das Wesentliche. Die Einzigartigkeit jedes Momentes. Alles und jeder ist gleichbedeutend und austauschbar. Auch eine Form von Gleichberechtigung. In der unzähligen Teilung von Zeitintervallen liegt die Ökonomisierung, die Rationalisierung der Zeit und täuscht Unendlichkeit vor. Unendlichen Wohlstand, unendliche Ressourcen. Wir stehen vor dem Nichts, weil wir das Sein – unser Da-Sein – nicht vom Nichts unterscheiden können. 

Die Geschichte unserer Zivilisation nahm vor 2500 Jahren im antiken Griechenland ihren Anfang. Damals existierten alle erdenklichen und heute über den Globus und die verschiedenen Kulturen und Zivilisationen verstreuten Denkweisen nebeneinander. Auch ohne die heutigen Kommunikations-, Vernetzungs- und Mobilitätsmöglichkeiten herrschte ein reger Meinungsaustausch und der Glaube an die Dialektik förderte ständig neues Wissen und neue Erkenntnisse über die Natur der Dinge zutage. Der Diskurs begünstigt Wissen. Doch vielleicht ist ja Wissen nicht das Entscheidende. Ein Bewusstsein, Erkenntnisse über etwas zu erlangen, heißt noch lange nicht die Konsequenzen daraus ziehen. Vielleicht ist es ein Problem unserer Wirklichkeit, dass immer nach Taten und Handlungen verlangt wird. Vielleicht wäre es hilfreicher, dem ständigen Drang, etwas tun zu müssen, zu widerstehen und sich kontemplativ zurückzuziehen. Den Kreislauf zu unterbrechen. Sich der Ewigkeit des Moments gewahr zu werden. Die Sinnesorgane nach außen zu richten und andere verstehen zu lernen. Vielleicht wird das Heute in 2500 Jahren zum neuerlichen Ausgangspunkt für einen Wandel unserer Zivilisation werden, indem permanenter Wachstum und ständige Bewegung als geistiger Wert, als Hinwendung zum Menschen und als Abkehr vom Materiellen, von der Anhäufung von Besitztümern verstanden werden. Vielleicht müssen wir erst das letzte Hemd und die letzte Hose verlieren, bevor wir uns wieder als nackte, zerbrechliche Individuen gegenüberstehen können, die den Anderen, das Gegenüber, die Antithese brauchen. 

Lassen sie sich nicht dadurch abschrecken, dass ihre Meinung nicht von einer Mehrheit geteilt wird und sie als paradox gelten, schließlich heißt unsere Staatsform (noch) Demokratie und nicht Demagogie. Das menschliche Leben ist ohnehin ein Paradoxon.  

„Da die doxa unvernünftig und allgemein ist, so muß, wer besser sieht, notwendig immer als paradox erscheinen.“ (Sagt auch Einer, Friedrich Theodor Vischer.)

Verfasser / in:

Wolfgang Oeggl

Datum:

Di. 28/06/2022

Artikelempfehlungen der Redaktion

Infobox

Paradox

Wir leben in paradoxen Zeiten. Was sich als alternativlose Wirklichkeit ausgibt, hat hinter den Kulissen oftmals eine verborgene Wahrheit, die sich erst im Laufe der Zeit entkleidet. Was als paradox erscheint, sollte uns nicht davon abschrecken, genauer hinzusehen, hineinzusehen, und unsere eigenen Wahrheiten, auch wenn sie einer öffentlichen Meinung widersprechen, zu finden.

Die Kolumne zeitenweise von Wolfgang Oeggl erscheint jeden 4. Dienstag im Monat.

Kontakt:

Kommentar antworten